Ist der „Digital Pakt“ ein Segen für Schulen?

Am 23.11.2018 war es soweit, die Große Koalition sowie FDP und Grüne haben die dafür nötige Grundgesetzänderung auf den Weg gebracht. Der Bundestag soll in der kommenden Woche den Gesetzentwurf abschließend beraten und im Anschluss diesen Gesetzentwurf an den Bundesrat weiterleiten. Können sich Schulen nun darüber freuen, oder…?

In der Presse wird von einem Betrag in Höhe von fünf Milliarden Euro gesprochen. Auf der Seite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung findet man dann genauere Informationen die diesen Betrag relativieren.

  • Es heißt dort: „Der Bund stellt über einen Zeitraum von fünf Jahren insgesamt fünf Milliarden Euro zur Verfügung, davon in dieser Legislaturperiode 3,5 Milliarden Euro. Aufgrund des Charakters der Bundesmittel als Finanzhilfen bringen die Länder zusätzlich einen finanziellen Eigenanteil ein. Zusammengenommen stehen dann insgesamt mindestens 5,5 Milliarden Euro zur Verfügung.1 Ferner „Eine dauerhafte Finanzierung des Bundes für schulische Infrastrukturen ist nicht vorgesehen.1 Somit wird dieses Geld nicht sofort zur Verfügung gestellt und stellt nur eine einmalige Hilfe dar.
    Jeder der im schulischen Kontext tätig ist weiß, dass dieses nur eine „Mogelpackung“ zur Beruhigung der Bevölkerung darstellt. Gerade der Bereich IT ist so schnelllebig das heute gekaufte Hardware innerhalb kürzester Zeit wieder veraltet ist.
    Ein weiterer Aspekt, der hier keine Berücksichtigung findet, ist die Pflege der IT. Was nutzt es IT zu verteilen, aber die Pflege und Instandhaltung wie bisher den Schulen aufzubürden? Nur wenige Schulen verfügen über Systemadministratoren, in den meisten Fällen dürfen engagierte Lehrer diese Aufgabe übernehmen.
    Hinzu kommt ein weiterer Punkt. „Die Schulen selbst können keinen Antrag stellen. Sie melden ihren Bedarf an die jeweiligen Schulträger. Die Schulträger bündeln die Meldungen ihrer Schulen in einem oder in mehreren Förderanträgen und reichen diese beim Land ein.1 Bei der zu erwartenden Fördergeldmengen sind internationale Ausschreibungen notwendig. Das bedeutet, dass individuelle Anschaffungen bzw. Ausweitung des bestehenden IT Bestandes schwer möglich werden. Ich kenne Schulen, die zusammengelegt wurden und dadurch z.B. mit zwei unterschiedlichen Interaktiven Whiteboards arbeiten müssen.
  • Der nächste Punkt, der mich stört ist folgender: „Förderfähig sind insbesondere die breitbandige Verkabelung der Schulen, die W-LAN-Ausleuchtung sowie stationäre Endgeräte wie zum Beispiel interaktive Tafeln.1 Die Seite lehrerfreund.de hat im Jahre 2008 mit einem „Vergleich zwischen “SMART-Board” und “ACTIVboard2 veröffentlicht. Auf dieser Seite sind auch Preise der damaligen Zeit zu finden. Vom Preis schlagen die Interaktiven Whiteboards beider Hersteller mit 4000,- € zu Buche. Heute sieht es sicherlich nicht anders aus.
    Eine Verkabelung bzw. das Einrichten eines W-LAN-Netzes mit Access Points ist nicht preiswert. Auch hier ist in meinen Augen dieser „Digitale Pakt“ nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.
    Die Breitbandversorgung der Schulen ist aus einem Topf des Bundesministeriums für Verkehr und Infrastruktur möglich. Hierfür sollen neue Mittel bereitgestellt werden.
  • Was mich nachdenklich stimmt, ist der Punkt 2 „Führen Smartboards und schnelles Internet automatisch zu einer besseren Bildung?1In diesem Abschnitt tauchen Begriffe wie individuelle Lernfortschritte, Online-Plattformen und Vernetzung auf. Birgit Lachner hat dazu einen schönen Blogbeitrag „Schulcloud vs. Moodle“ veröffentlicht. Sie vergleicht in diesem Beitrag sehr schön die Möglichkeiten, die die Schulcloud und Moodle bieten. Ihrem Fazit „Bis der „Jüngling“ Schulcloud sich an das gestandene moodle mit seinen 17 Jahren Entwicklungszeit herangearbeitet hat, wird seeeehr viel Zeit vergehen. Es lohnt sich also, bei moodle reinzuschauen. Wer behauptet, das die Schulcloud besser ist, ist ein Ignorant oder Lügner3 kann ich mich nur anschließen.
    Es ist mir vollkommen schleierhaft, wieso hier öffentliche Gelder verbrannt werden und nicht bestehende Systeme wie Moodle unterstützt und ausgebaut werden. Moodle bietet nicht nur eine langjährige Erfahrung, es besitzt eine große Community. Bei irgendwelchen Problemen kann man jederzeit auf Unterstützung von Fachleuten in den unterschiedlichen Moodleforen zurückgreifen.Lernfortschritte sollen erfasst werden. „…Bildung individueller gestaltet werden. Es ist für Schülerinnen und Schüler wie für Lehrkräfte hilfreich, wenn individuelle Lernfortschritte genauer erfasst und durch gezielte Auswahl von Lernbausteinen und -materialien unterstützt werden können.1 Hört sich im ersten Moment gut an, aber nur im ersten. Laufen wir hier nicht Gefahr den „gläsernen“ Lerner zu forcieren? Wie soll Lernen vermessen werden? Wie will man eine Kompetenzentwicklung, die ja von den Kultusministern gefordert wird, vermessen? Auf der einen Seite überlegt man neue Prüfungsformate und auf der anderen Seite will man Lernfortschritte vermessen.

Auch auf Twitter führte der DigitalPakt zu einer angeregten Diskussion. Ich möchte hier Maik Riecken zitieren, der das schön auf den Punkt gebracht hat: „Und wer sitzt nicht am Tisch bei den Bund-Länder-Verhandlungen? Genau. Derjenige, der den Mist umsetzen muss und auf den alle mit dem Finger zeigen werden.4

Update
Das Handelsblatt hat am 26.11.2018 weitere Aspekte des Digital Pakts veröffentlicht:

  • Nach dem Entwurf, der dem Handelsblatt vorliegt, sollen pro Schule bis zu 25.000 Euro für „schulgebundene“ Endgeräte bereit stehen – Laptops, Notebooks, Tablets, aber keine Smartphones. Allerdings nur, wenn die entsprechende Infrastruktur beriet steht, oder zumindest beantragt ist. Und: die Geräte müssen „technologieoffen, erweiterungs- und anschlussfähig“ sein.5
  • Verteilt werden die Mittel nach dem üblichen „Königssteiner Schlüssel“: Danach entfallen auf das größte Land NRW 1,05 Milliarden Euro, Bayern bekommt 777 Millionen und Baden-Württemberg 650 Millionen. Das kleinste Land Bremen erhält 47 Millionen Euro.5

Quelle:

1 Wissenswertes zum DigitalPakt Schule Online verfügbar unter https://www.bmbf.de/de/wissenswertes-zum-digitalpakt-schule-6496.html, zuletzt aktualisiert am 25.11.2018, zuletzt geprüft am 25.11.2018.

2 Vergleich zwischen “SMART-Board” und “ACTIVboard”. Online verfügbar unter https://www.lehrerfreund.de/schule/1s/smartboard-activboard-vergleich-whiteboards/2965#preise, zuletzt aktualisiert am 25.11.2018, zuletzt geprüft am 25.11.2018.

3 Schulcloud vs. moodle – Superlehrer.de. Online verfügbar unter https://www.superlehrer.de/2018/11/25/schulcloud-vs-moodle/, zuletzt geprüft am 25.11.2018.

4 Maik Riecken on Twitter. Online verfügbar unter https://twitter.com/mccab99/status/1066289439633272832, zuletzt geprüft am 25.11.2018.

5 Digitalpakt Schule: Bund stellt 25.000 Euro pro Schule für Tablets. Online verfügbar unter https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/digitalpakt-schule-bund-stellt-25-000-euro-pro-schule-fuer-tablets/23663646.html?share=twitter, zuletzt geprüft am 26.11.2018.

Über grosty

Ich bin gebürtige #@Italienerin, habe eine Tochter und bin seit 1988 verheiratet. Ich wohne in der Nähe vom #@TXL und kann ihn von Haus auch #@fotografieren, ansonsten liebe ich #@Seidenmalereien. Ich male seit dem 13. Lebensjahr. Seit 2204 unterrichte ich im Bereich der @BerufsbildendenSchule @Schüler im Bereich der @Medienkompetenz. @DesWeiterin bin ich @Mitorganisatorin des @Barcamp @Digitale @Berlin @BerlinDE
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